Angedacht

„Eine Frau, die an einer Krebsart erkrankt war, lag im Sterben. Es gab eine Medizin, von der die Ärzte glaubten, sie könne die Frau retten. Ein Apotheker in der gleichen Stadt hatte sie erst kürzlich entdeckt. Er verlangte 20.000 Euro für die kleinste Dosis des Medikaments. Heinz, der Ehemann, bekam nur 10.000 Euro zusammen. Der Apotheker wollte nicht verkaufen. Heinz hat alle legalen Möglichkeiten ausgeschöpft; er ist ganz verzweifelt und überlegt, ob er in die Apotheke einbrechen und das Medikament für seine Frau stehlen soll. Was würdest Du tun?“ (Kohlberg, 1995; verkürzt)

Dieses, wenn auch etwas abstruse, erfundene Beispiel Kohlbergs aus der Entwicklungspsychologie wird oft im Religionsunterricht verwendet, um den Schülern ethische Urteilsfindung zu vermitteln.

An diesem Beispiel kann man natürlich viel diskutieren: Wo bleibt die Barmherzigkeit des Apothekers? Oder, was ist das für ein Gesundheitssystem, das optimale medizinische Versorgung nicht gewährleistet? – Doch das ist nicht der Punkt, um den es geht. Es zeigt sich, der Mann aus der Geschichte hat letztendlich genau zwei Möglichkeiten! Entweder – oder: Entweder tatenlos zusehen, wie seine Frau stirbt, oder zum Dieb werden.

Solche ‚Dilemmageschichten’ sollen Schülerinnen und Schülern dabei helfen, zu einer eigenen Position zu finden und begründete Entscheidungen im Alltag zu treffen. Als freie Menschen in einer freien Gesellschaft.

Doch das spannende an diesem Beispiel ist, dass es zeigt, dass wir im Alltag selten wirklich frei sind. 

Unsere Freiheit stößt schnell an Grenzen und endet meist bei der Wahl zwischen mehreren Optionen. Der in seiner Entscheidung freie Mensch wird unweigerlich im Leben zum Schuldigen. Was dieser Heinz auch tut, er wird schuldig werden.

Wirkliche Freiheit dagegen gibt es nur im Glauben, als ‚geglaubte Freiheit’. Sie existiert nur im Glauben an Christus: Im Vertrauen darauf, dass er unsere Schuld auf sich nimmt, und uns von dem, was wir nicht loswerden, frei spricht. Wahre Freiheit ist von Gott zugesprochene Freiheit. Freiheit, die in verantwortetem Handeln auch einmal Fehler und falsche Entscheidungen zulässt. Gerade in Situationen, in denen wir zu solch einem Heinz werden.

Vikar Sebastian Roth 


Gott spricht: Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

Offenbarung 21,6 (L)

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