Angedacht-Archiv

November 2019

„Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt“, Hiob 19,25

Es ist Hiob, von dem wir diese Worte in der Bibel lesen. Und wir wissen, wie schlimm und katastrophal seine Situation war. Allen Grund hätte er gehabt, aufzugeben, alles hinzuschmeißen. Denn alles ward ihm genommen: der Ertrag der Arbeit, die Familie, die Gesundheit.

Doch Hiob - er hält an Gott fest. Er klagt, er weint und hadert auch mit Gott, aber er gibt nicht auf. Denn egal, was ihm selbst, egal, was um ihn herum geschieht, wie schlimm, schrecklich und sinnlos es auch ist - er setzt all dem sein „aber“ entgegen. Es geht mir schlecht, ja, aber...

Ich fühle mich müde und traurig, aber... Manchmal da wird mir alles zu viel, aber... Es gibt Tage, da versteh ich die Welt nicht mehr, aber...

Aber ich weiß, so geht sein Satz weiter. Ich weiß, das heißt: ich habe nicht nur einen wagen Verdacht, eine Vision, eine Hoffnung, es könnte sein – vielleicht, möglicherweise – nein: Ich weiß. Ich weiß es, ich kann es vielleicht nicht begründen oder mit Fakten belegen, aber dennoch: ich weiß es einfach. Und dieses Wissen gibt mir Halt und Kraft. Denn ich weiß etwas ganz besonderes: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Gott, der Allmächtige, dem wir alles zu verdanken haben: Die Schöpfung, die Welt, meine Mitmenschen, mich selbst – dieser Gott, er lebt. Er ist nicht fern, verborgen hinter dicken Wolken, weit weg, unerreichbar, nein: Dieser Gott lebt und ist mein Erlöser. Zu ihm darf ich mich wenden, egal, wie es mir geht, ob froh und gut gelaunt oder müde, traurig und der Verzweiflung nahe.

Ich wünsche uns ein Stück dieses Mutes, dieser Hoffnung des Hiob, die glaubende Gewissheit: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt.

Ihre Pfarrerin Almut Heineken

Oktober 2019

Nach deinem Vermögen gib Almosen; auch wenn du nur wenig hast, scheue dich nicht, wenig Almosen zu geben. (Tobit/Tobias 4,8)

Manche evangelische Christen werden den aktuellen Monatsspruch in ihrer Bibelausgabe vergeblich suchen, denn er entstammt dem Buch Tobit. Dieses gehört zu den späten Schriften des Alten Testaments, die Luther bei seiner Übersetzung der Hebräischen Bibel außen vor ließ, weil sie ihm nur in griechischer Sprache vorlagen. In katholischen Bibelausgaben hingegen ist dieses Buch gemeinsam mit den anderen Spätschriften fester Bestandteil des Alten Testaments.

Die vorliegende Ermahnung zum Almosengeben gehört zu einer längeren Unterweisung, mit der der erblindete Tobit seinen Sohn Tobias auf eine weite Reise verabschiedet. Er gibt seinem Sohn als Vermächtnis die wesentlichen Regeln für ein Leben nach Gottes Willen mit auf den Weg, denn er selbst bereitet sich auf den Tod vor. Entscheidend ist für ihn offenbar nicht, wie groß eine Gabe ist. Entscheidend ist, dass die Armen Unterstützung erfahren. Und von dieser Pflicht sind auch die nicht ausgenommen, die selbst wenig haben. Wenn heute Multimilliardäre wie Bill Gates und Warren Buffett regelmäßig Milliarden für wohltätige Zwecke spenden, dann ist das nicht bedeutsamer als das sprichwörtlich gewordene „Scherflein“ der armen Witwe, die Jesus in Mk 12,41-44 dafür lobt, dass sie ihre letzten Pfennige weggibt. Gott sieht alle gnädig an, die bereit sind, zu teilen. Er schaut nicht darauf, ob eine Gabe groß oder klein ausfällt, sondern darauf, ob sie den Möglichkeiten derer entspricht, die etwas abgeben.

Für Gerechtigkeit zu sorgen und solidarisch die Bedürftigen zu unterstützen, ist in der Bibel keine Sonderpflicht für die Reichen. Das Wohlergehen der Armen ist eine Aufgabe, der sich alle gemeinsam zu stellen haben. Vor allem aber gilt dies für diejenigen, die nach dem Willen Gottes leben wollen. Weil Gott Gerechtigkeit und das Wohl der Armen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sieht, sind Wohlhabende und Menschen mit kleinem Geldbeutel gemeinsam herausgefordert. Niemand muss sich schämen, weil er nur wenig geben kann. Aber es ist auch niemand davon ausgenommen, sich die Frage zu stellen, welches Engagement zur Armutsüberwindung angesichts der eigenen Lebenssituation eigentlich angemessen wäre, und dann danach zu handeln.

nach Ralf Dziewas

Juli 2019

Ein jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn.

Jakobus 1,19

Es wird heute so viel geredet, überall und andauernd: Worte, Worte, Worte.

Manche davon wären zum Nachdenken, aber schnell sind sie schon wieder überlagert von neuen und der Gedanke darüber ist weggerutscht.

Manche Worte sind belanglos und vielleicht wäre es besser, es wäre geschwiegen worden.

Manche Worte sind schnell dahin gesagt – aus Wut, aus Frust oder aus verletzter Eitelkeit –, aber verletzen andere und hinterlassen tiefe Wunden. Rückgängig machen lassen sie sich nur schwer.

Manche Worte und Ansichten, ob gut überlegt oder aus einer Laune heraus, sind mit der richtigen Technik in Sekundenschnelle der ganzen Welt mitgeteilt. Über den tatsächlichen Wahrheitsgehalt der Aussagen lässt sich meist nur wenig sagen, doch sie haben Wirkung – mitunter eine riesengroße.

Die Frage an uns ist: Wie gehen wir damit um?

 

Zuhören zu können, ist dagegen eine Kunst. Ein Geschenk, wenn wir es vermögen. Zum Zuhören gehört, sich Zeit zu nehmen, sich selbst zurückzunehmen, auf Zwischentöne, auf Haltung, auf Gestik des anderen achten zu lernen. Den anderen zu Wort kommen zu lassen und sich mit dem, was er oder sie sagt, zu befassen.

Und dann genau zu überlegen, was man selbst dazu sagt. Die eigenen Worte behutsam zu wählen. Vielleicht sie gar erst kurz in einem Stoßgebet Gott hinhalten, aus seinem Blickwinkel das, was einem auf der Zunge liegt, betrachten und dann aussprechen – oder auch nicht.

Ich glaube, wenn wir Menschen uns so im aufmerksamen Hören und im achtsamen Reden üben würden, dann hätten wir unsere Emotionen auch besser unter Kontrolle.

Dann würde das, was uns im Jakobusbrief anbefohlen wird, uns selbst und den anderen bei uns verändern und vielleicht ein Stück Himmel sichtbar machen.

 

In diesem Sinne Ihnen einen schönen Juli! Ihre Pfarrerin Almut Heineken