Menschen in der Corona-Krise

Gedanken von Dora Vogt, 85 Jahre

Als ich zum ersten Mal hörte, dass ein neuer Virus von China aus in der ganzen Welt unterwegs ist, nahm ich die Gefährdung einer Infektion nicht ernst. „Sie ist nicht schlimmer als Grippe – wird nur hochgespielt,“ meinte mein 28 jähriger Enkelsohn. Das klang beruhigend. Trotzdem wollte ich vorsichtig sein: Wusch mir öfter als sonst die Hände, besorgte mir Desinfektionsmittel, ging aber weiterhin einkaufen.

Die steigende Zahl der Sterbefälle, die Tatsache, dass ich zu den „gefährdeten“ Personen gehörte und letztlich die staatlich verordneten Beschränkungen machten mich nachdenklich. Mir wurde klar: Ich darf und will mich selbst und andere nicht gefährden. Gute Freunde bestärkten mich darin, boten an, meine Einkäufe zu erledigen. Die Freude über dieses Angebot war bei mir sehr gedämpft, denn es bedeutete eine gewaltige Einschränkung meiner gewohnten Freiheit. Nach einigem Zögern konnte ich jedoch diese spürbare Nächstenliebe annehmen, zumal mit den Einkaufserledigungen der selten gewordene menschlich – lebendige Kontakt gegeben ist. „Hausarrest – Ausganssperre“ – das klingt nach Freiheitsentzug – ließ mich erschrecken. Jetzt, da das Leben nach außen nicht mehr möglich ist, werden abwechslungsreiche Begegnungen mit Freunden besonders wertvoll oder auch die sonntäglichen Besuche in der Kirche, der Treff 60 plus und die Konzertbesuche. Die Beschränkungen brachten ein Rückbesinnen auf das, was bleibt: mein gemütliches Zuhause und der Garten. Hausarbeit und das Kochen sind mir zu willkommenen Beschäftigungen geworden.

Der Taschenkalender – sonst gut gefüllt – liegt in der Schreibtischschublade.

Der Wecker bzw. die Uhr, sind nicht mehr bestimmend über meinen Tagesablauf – wie befreiend. Öfters verlängere ich auch die Ruhe der Nacht, was mein Körper mit angepassten Blutzuckerwerten belohnt. Mein Bedürfnis nach geistiger Anstrengung wird durch Lesen längst vergessener Lektüre aus meinem Bücherregal gestillt.

Ja, es ist überraschend: ich lese wieder ausgesprochen gerne.

Als gute Abwechslung im stillen DASEIN empfinde ich auch das Hören von Musik aus dem Radio oder einer CD, die verstaubt in meiner Sammlung liegt.

Wenn es Abend wird, zieht es mich in den Fürther Stadtwald. Es tut so gut, den weichen Boden unter den Füßen zu spüren und den würzigen Duft der Erde einzuatmen. Manchmal steigt ein Lied in meinem Herzen auf und ich singe beim Laufen oder auf der Kanalbrücke in die untergehen Sonne hinein. Der Frühling mit seiner Blütenfülle ist da - trotz Corona! Für mich heißt das: Gott ist treu. Er mutet mir und uns allen viel zu, aber er beschenkt auch. Das macht mich letztlich dankbar für jeden Tag, den ich auch jetzt leben darf.

Gedanken von Jutta Fraaß

Als Anfang März das Corona-Virus immer näher zu kommen schien, wurde ich sehr unruhig. Die Nachrichten über die Ausbreitung veränderten sich gefühlt stündlich für mich. Ich wollte auf keinen Fall krank werden. Weder eine Erkältung bekommen noch mir eine Infizierung durch das Virus einholen. Ich hatte doch ein Ticket für eine USA-Reise in der Tasche. Schon ab der ersten Märzwoche - vor allen anderen - vermied ich sämtliche gesellschaftlichen Kontakte. Gerne wollte ich so gelassen sein, wie alle um mich herum, aber es gelang mir nicht. Schnell kam alles näher, das Virus und auch meine Reise. Zu entscheiden, ob ich fliege oder den Flug storniere, kostete mich unheimlich Kraft und Selbstbeherrschung. Es fühlte sich an, als säße mir das Virus bereits im Nacken und ich gehöre zu denen, die es verteilen. Mitten in der Nacht zwei Tage vor meinem Abflug, rief mein Freund aus der USA an und verkündete mir die brandneue Nachricht vom Einreiseverbot der Europäer in die USA. Booom. Endlich - die Entscheidung war getroffen: ich steige in der derzeitigen Situation - Moment? Welche Situation? Gerade eben war doch noch alles normal? - nicht in den Flieger und überquere nicht den Ozean. Unendlich traurig, aber auch ein wenig ruhiger konnte ich den neuen Tag starten. Während sich die Nachrichten immer bedrohlicher anhörten, fuhr mein Körper so langsam runter und konnte sich dem - zwischenzeitlich veränderten Alltag - widmen. Da es in der Arbeit nun hieß, wir werden Kurzarbeit einreichen, musste ich erstmal für 3-4 Wochen zu Hause bleiben und meine Überstunden abbauen. Schon ganz schnell hatte ich Angst um meine Arbeitsstelle - wieder eine mentale Ach- terbahnfahrt. Inzwischen befanden wir uns im Ausnahmezustand. Es gelten Ausgangsbeschränkungen. Ein Freiheitsentzug, den ich immernoch nicht richtig (be)greifen kann. So gehe ich in die Natur hinaus, in den nahegelegenen Wald. Jeden Tag. Etliche Kilometer. Alleine. Ich treffe andere Menschen, auch alleine oder mit Hund, zu zweit oder in einer familiären Gruppe. Manchmal grüßt man sich, manchmal lächelt man sich an, ein anderes Mal geht man klanglos vorüber. Es gibt Phasen, in denen kann ich den Wald richtig genießen, dann wieder Phasen der Angst. Angst vor einem Überfall, Angst vor der bevorstehenden Wirtschaftskrise, Existenzangst. Es sind nun einige Wochen der „Einsamkeit“ vergangen, in denen ich mich jedoch (fast) nie einsam oder gelangweilt gefühlt habe. Der tägliche Sonnenschein, meine Spaziergänge im Wald, mein täglicher Besuch an der Kerzenstation in der Kirche und sehr viele Telefonate mit Freunden und Familie halfen und helfen mir dabei, mein Leben (neu) zu gestalten. Spürbar in dieser Zeit ist, dass ich intensiver nachdenke, mir mehr Zeit nehme, mich in meine Gedanken zu verlieren und danach mutiger bin, Dinge, die mir am Herzen liegen, weiter zu tragen. Das fühlt sich sehr positiv und erfrischend an und ich habe mir fest vorgenommen, das beizubehalten. Das erfacht Kreativität, erfrischt die Seele und fördert die Gesundheit. Letztendlich wird das helfen, die schweren Zeiten, die uns höchstwahrscheinlich heimsuchen werden, zu meistern.

Gedanken von Familie Keis und Mühlenban

Unsere erste Herausforderung: HomeSchooling parallel zum HomeOffice - zum einen gab es völlig unterschiedliche Konzepte an Grundschule und Gymnasium. Während Elisabeth (5. Klasse) dank ihres grandiosen Klassenlehrers fast sofort selbständig arbeiten konnte, gab es bei Helena (3. Klasse) sehr viel Leerlauf wegen Unsicherheiten und Nachfragen. Dafür mussten wir uns jeweils Zeit und einen halbwegs freien Kopf verschaffen. Die erste Woche verlief eher chaotisch und vor allem für die Kinder unbefriedigend, ab der zweiten Woche hatten wir gemeinsam Strukturen erarbeitet und es klappte ab da gut.

Obwohl Oma und Opa direkt nebenan wohnen, haben wir frühzeitig auf direkten Kontakt verzichtet. Bei schönem Wetter unterhalten wir uns jetzt auf Abstand von Terrasse zu Terrasse, ansonsten nutzen wir Skype.

Videokonferenzen gibt es übrigens täglich: mit Kollegen, aber auch mit Verwandten oder besten Freundinnen oder mal von Kinderzimmer zu Kinderzimmer.

Wir haben anfangs vermehrt "Familienrat" gehalten und die Situation besprochen - die größere Nähe erfordert von allen, dass wir uns selbst etwas zurücknehmen und uns gegenseitig besser unterstützen. Als Familie hat uns das noch stärker gemacht. Wichtig ist, dass jeder sich zeitweise zurückziehen kann, sei es ins eigene Zimmer oder in den Garten.